Perspektiven: Fortschritt durch Technologie

Technologie entwickelt sich rasant und prägt die Welt, in der wir leben. Heute verfügen wir bereits über die Technologie, mit der der öffentliche Personenverkehr (ÖPV) wirklich intelligent gestaltet und wahrhaft auf den Kunden ausgerichtet werden kann. Big Data Management setzt neue Maßstäbe für einen effizienten Betrieb. Dennoch erleben wir nur einen langsamen Wandel und die Vorteile, die uns die Technologie heute bietet, werden nur wenig genutzt. Im Vergleich zu anderen Branchen entwickelt sich der ÖPV nicht so schnell wie es der technische Fortschritt erlauben würde. Was hält uns zurück?

  • Ken Kessler – Acting Public Transit Director, City of Phoenix Public Transit Department

    Im öffentlichen Personenverkehr (ÖPV) gibt es viele Herausforderungen, die uns davon abhalten, die Möglichkeiten der Technologie voll auszuschöpfen. Ich kann hier nur auf einige der größeren Hürden eingehen, die ich sehe. 

    Erstens, sehr simpel, die Finanzierung. Technologie erfordert hohe Investitionen, die Ressourcen der Verkehrsbetriebe sind jedoch begrenzt und ihre Prioritäten konkurrieren miteinander. Solche Investitionen müssen mehrere politische Instanzen durchlaufen – wie die Organisationspolitik von Personal und Management der Behörde sowie die Mandatsträger, die die Aufsicht über den Verkehrsbetrieb bzw. das Verkehrssystem haben. Für eine Organisation und ein gewähltes Gremium ist es eine enorme Herausforderung, bei konkurrierenden Prioritäten zu entscheiden, welche Systeme modernisiert oder durch aktuelle Technologien ersetzt werden sollen. Die Entscheidung für eine Investition zu Lasten einer anderen muss sorgfältig abgewogen werden und das erschwert es, hier einen Konsenses zu erzielen.

    Zweitens sind öffentliche Einrichtungen generell risikoscheu. Die Rechenschaftspflicht gegenüber den Steuerzahlern führt dazu, dass sie sich nur vorsichtig weiterentwickeln. Investitionen in Technologie, insbesondere in hochmoderne Technologie, bergen ein hohes Risiko: Aufgrund des schnellen technologischen Fortschritts besteht die Gefahr, dass die Technik nach der Einführung schnell wieder veraltet ist. So kann der Versuch, mit der Technik Schritt zu halten, schnell zu einer Kostenfalle werden. Zudem kann es schwierig oder zumindest anspruchsvoll sein, die Vorteile neuer Technologie und ihre Rentabilität genau zu bestimmen. Das erschwert es zusätzlich, die hohen Investitionen zu rechtfertigen und die Angst vor Risiken zu überwinden. Wir als Fachleute für den ÖPV müssen kreative Lösungen finden, die die finanziellen Beschränkungen überwinden und den Wandel vorantreiben, um von der vorhandenen Technologie besser profitieren zu können.

     

    Über Ken Kessler

    Ken arbeitet seit 25 Jahren in den Bereichen Rechnungswesen, Finanzen, Haushalt und Management, die letzten 15 Jahre in der ÖPNV-Branche beim Phoenix Public Transit Department (PTD), wo er nach Positionen als Budget Analyst, Budget Supervisor und Deputy Director nun als Acting Public Transit Director tätig ist und sämtliche Bereiche und Leistungen verantwortet, die in den Zuständigkeitsbereich des PTD fallen. Ken hat einen Bachelor in Rechnungswesen und einen Master in öffentlicher Verwaltung, beide von der Arizona State University. Ken ist verheiratet, hat zwei erwachsene Töchter und drei Enkel. Er liebt Sport, Wandern und andere Fitnessaktivitäten sowie Achterbahnen.

  • Leah Harnack – Chefredakteurin, Mass Transit Magazine

    Der öffentliche Personenverkehr (ÖPV) ist eine stark regulierte Branche. Die Regularien stellen die größtmögliche Sicherheit der Fahrgäste und Betreiber sowie einheitliche Rahmenbedingungen sicher und steuern die Finanzierung. All dies sind wichtige Aufgaben, die gewahrt sein müssen. Gleichzeitig verhindern diese Regularien aber häufig die frühe Einführung moderner Technologien. 

    Da der ÖPV nicht nur für viele eine Alternative darstellt, sondern insbesondere einkommensschwache  Bevölkerungsgruppen auf ihn angewiesen sind, muss die Grundversorgung stets sichergestellt sein. 

    Die Finanzierung durch Steuergelder verlangt eine gewisse Zurückhaltung, durch die eine Risikobereitschaft, wie wir sie aus der Privatwirtschaft kennen, häufig verhindert wird. Verkehrsunternehmen gehen jedoch kreative öffentlich-private Partnerschaften (ÖPP) ein, die einen Teil des Risikos mindern. 

    Verkehrsunternehmen suchen nach Lösungen, um ihre Dienstleistungen möglichst effizient anbieten zu können. Das bedeutet häufig ÖPP mit privaten Mobilitätsanbietern zu schließen, die die modernen Technologien bereits nutzen. Einige dieser Lösungen erfüllen die Kundenbedürfnisse besser, erleichtern den Zugang zu lokalen Unternehmen und bieten Mobilität zu einem besseren Preis für die Steuerzahler. Obwohl solche ÖPP besser für die Gesellschaft sind, gefährden Verkehrsunternehmen mit ihnen jedoch ihre Finanzierungsgrundlage, da entsprechend der gesetzlichen Berechnungsgrundlage diese Fahrgastzahlen nicht angerechnet werden. 

    Diese Berechnungsgrundlage hält nicht Schritt mit den kreativen Lösungen, die Verkehrsunternehmen einführen, um Partnerschaften mit Unternehmen aus dem privaten Sektor zu schließen.

     

    Über Leah Harnack

    Leah Harnack ist Chefredakteurin von Mass Transit, dem einzigen US-Magazin, das sich ausschließlich dem öffentlichen Verkehr widmet. Seit 2004 arbeitet sie als Redakteurin bei Mass Transit. 2011 hat sie die redaktionelle Leitung bei Mass Transit übernommen und seitdem den digitalen Fußabdruck des Magazins stark geprägt. Zuvor war sie bei Kalmbach Publishing Co. für die Modellbau- und Astronomie-Magazine zuständig.

     

  • Mohamed Mezghani – Generalsekretär, Internationaler Verband für öffentliches Verkehrswesen (UITP)

    Technologie bietet zahlreiche Vorteile in verschiedenen Bereichen: Betriebseffizienz, Kundenbindung, Sicherheit, Attraktivität des öffentlichen Personenverkehrs und mehr. Technologie ist jedoch kein Selbstzweck, sondern ein Instrument, um die oben genannten Ziele zu erreichen. Deshalb ist es wichtig, sie als Teil eines umfassenden Konzeptes einzuführen. Darüber hinaus ist es wichtig, agil zu sein und mit neuen Technologien zu experimentieren – in kleinerem Maßstab und schneller, um ihre Auswirkungen besser einschätzen zu können, bevor man sie großflächig umsetzt. Der technologische Fortschritt entwickelt sich häufig schneller als die rechtlichen Rahmenbedingungen – das könnte auch ein Hemmnis sein, das einer breiten Implementierung entgegensteht. Weitere Barrieren, die die Chance auf schnelle Innovation verhindern, können sein: Kosten (insbesondere für Erstanwender), fehlende Fähigkeiten (die zunehmende Digitalisierung verlangt neue Fähigkeiten, die in unserem Sektor nicht üblich sind), Sicherheitsaspekte (wie Cyber Security) sowie Bürokratie, die in einigen Fällen noch immer besteht. Die UITP setzt sich u. a. durch die Leitung mehrerer Forschungs- und Innovationsprojekte dafür ein, neue Technologien zu fördern und das Bewusstsein für deren Nutzen zu schärfen.

     

     

    Über Mohamed Mezghani

    Mohamed Mezghani ist der Generalsekretär des Internationalen Verbandes für öffentliches Verkehrswesen (UITP). Mit mehr als 25 Jahren Erfahrung in den Bereichen öffentlicher Verkehr und städtische Mobilität war Mohamed seit Januar 2014 als stellvertretender Generalsekretär der UITP tätig, bevor er Anfang 2018 zum Generalsekretär ernannt wurde. Mohameds Kernkompetenzen liegen in den Bereichen urbane Mobilitätspolitik und Reisebedarfsmanagement, Trends und Innovationen im städtischen Verkehr, institutionelle Organisation und regulatorischer Rahmen des öffentlichen Verkehrs, Beziehungen zwischen den Akteuren des öffentlichen Verkehrs und Energieeffizienz im städtischen Verkehr. Mohamed ist der zehnte Generalsekretär in der 133-jährigen Geschichte der UITP. 

  • Lars Rembold – Leiter strategisches Business Development Systeme für Fahrgeldmanagement

    Es sind vor allem Rahmenbedingungen und Gewohnheiten, die uns davon abhalten, die Vorteile innovativer Technologie im öffentlichen Personenverkehr voll auszuschöpfen. Der Schlüssel liegt in der Veränderung. Über viele Jahrzehnte hinweg haben Verkehrsunternehmen Systeme implementiert, die 10, 15 oder sogar 20 Jahre in Betrieb waren. Waren sie veraltet, wurden sie einfach ersetzt. In den letzten zehn Jahren hat sich diese Situation geändert. Der Kostendruck, dem sich Verkehrsunternehmen gegenüber sehen, erfordert neue Systeme, die Optimierung ermöglichen. Das Ergebnis sind Systeme, die nicht ausgetauscht werden müssen, weil sie alt im Sinne von Anzahl an Jahren sind. Kundenzufriedenheit ist so wichtig wie nie zuvor und die Kunden - die mit technologischen Ökosystemen leben, die innovativ sind und sich schnell ändern - wünschen sich nicht nur schnelle Veränderungen, sondern sie sind schlicht ein Muss. Ein schneller Wechsel vom Bestehenden zum Neuen ist hier gefordert. Und dies kann nur durch einen phasenweisen Ansatz erreicht werden, der das bestehende ergänzt und dann schrittweise das Alte durch das Neue ersetzt. Ein Beispiel dafür, wie eine solch schnelle Implementierung umgesetzt werden kann, ist der Einsatz agiler Methoden. Diese eignen sich perfekt für eine stufenweise Implementierung mit maximaler Transparenz. Kurskorrekturen werden während der Designphase vorgenommen. Im Ergebnis wird weniger Zeit vom Konzept zur Installation benötigt, da es ein kontinuierlicher Prozess ist. Die Schwierigkeit liegt im Einkauf: Wie beschafft man etwas, das maximal zu 2/3 im Detail festgelegt ist, und das restliche Drittel ist weitgehend offen. Hier müssen wir kreative Lösungen finden ... 

    Über Lars Rembold

    Lars Rembold ist Leiter des strategischen Business Development im Geschäftsbereich Fahrgeldmanagement bei Scheidt & Bachmann. Er hat einen Master in Informatik. In seiner frühen beruflichen Laufbahn führte er ERP-Systeme ein und leitete das Projektmanagement. Lars ist seit 14 Jahren im Bereich des öffentlichen Personenverkehrs tätig, wo er sich zunächst auf den Aufbau von Service Operations für Scheidt & Bachmann konzentriert hat. In seiner jetzigen Funktion arbeitet er an strategischen Initiativen für die Produkte und Dienstleistungen, die die Transportbranche für zukünftige Ticketing-Projekte benötigt. Seine Kernkompetenzen sind Backoffice-Systeme, Managed Services sowie Betriebs- und Wartungsmodelle.